Donnerstag, 3. März 2016

Vorurteile.

orurteile. Im Grunde genommen möchte sich jeder von uns davon frei sprechen. Wir möchten unvoreingenommen sein, wir wollen offen auf andere zugehen, wir wollen nicht mit anderen über einen Kamm geschoren werden - vor allem nicht, wenn es irgendetwas negatives ist -, also wollen wir das bei anderen eigentlich auch nicht tun.
Eigentlich. Denn wenn wir wirklich ehrlich zu uns sind - und damit meine ich wirklich ehrlich, nicht diese aufgesetzte Ehrlichkeit flüchtigen Bekannten gegenüber, sondern diese echte Ehrlichkeit, unserem Spiegelbild gegenüber - dann ist uns wahrscheinlich auch selbst klar, dass wir das nicht sind. Jeder von uns hat Vorurteile und jeder von uns hat vorgefertigte Meinungen - und das ist soweit auch überhaupt nichts schlimmes oder verwerfliches.

Wenn man den Begriff "Vorurteil" durch google jagt, bekommt man folgende Definition:

"eine vor dem Bekanntmachen mit etwas gebildete, meist negative Meinung oder Haltung"

Aus psychologischer Sicht sind Vorurteile allerdings lediglich ein Schutzmechanismus. In manchen Momenten ist man dazu gezwungen Situationen, Menschen oder Dinge schnell einschätzen zu können und dafür haben wir - vereinfacht - das Schubladendenken. Gut, früher war das vermutlich noch um einiges wichtiger als heutzutage, denn unser Überleben ist mittlerweile ja durchaus gut gesichert, aber das Prinzip ist ja das gleiche. Es ist also erst mal nicht schlimm eine Person aufgrund bestimmter Merkmale - optisch, natürlich, aber auch aufgrund von bestimmten Verhaltensweisen - in eine Schublade zu stecken. Wir machen uns einen ersten Eindruck.

Vorurteile sind, um es kurz auf den Punkt zu bringen, eine Sammlung von Erfahrungen, die wir oder Menschen, die uns sehr nahe stehen, über die Jahre gesammelt haben. Das können dann natürlich gute Sachen sein - zum Beispiel: rote Gummibärchen haben uns immer geschmeckt, wir probieren mal ganz andere Gummibärchen und gehen natürlich davon aus, dass uns die roten auf jeden Fall schmecken (ich weiß, blödes Beispiel, aber findet mal ein besseres für ein positives / gutes Vorurteil) - oder aber schlechte Sachen - zum Beispiel: Wir mögen keinen Spinat, deshalb ist jedes grüne Gemüse doof (ja, genau so schlecht, aber soll ja auf einer Ebene sein).

Jetzt aber zu einer persönlichen Geschichte - oder mehreren persönlichen Geschichten - denn von diesem Vorurteil bin ich langsam aber sicher mehr als genervt.

Sonntag, 14. Februar 2016 - Valentinstag
Mein Freund hat mich aus gegebenem Anlass zum Essen ausgeführt - zu unserem Lieblings-Mexikaner. Es war ein schöner Abend, das Lokal war ziemlich voll, wir haben unser Essen erhalten und wollten die gemeinsame Zeit einfach nur genießen.
Am Tisch neben uns saßen zwei junge Frauen, vermutlich gute Freundinnen. Und nachdem der Blick von einer der beiden immer wieder zu mir gewandert ist und sie meine Haare und meine Tattoos mit sehr abschätzigen Blicken "gewürdigt" hat, habe ich dann doch mal versucht der Unterhaltung zu folgen.
"Wir hatten ja auch schon so...Assoziale, die sich bei uns beworben haben. Mit Piercings, Tattoos und bunten Haaren. Die sehen ja alle so fertig aus, ganz offensichtlich sind die einfach mit der Welt fertig und nehmen alle Drogen"
In diesem Moment musste ich mich zusammen reißen ihr nicht meinen Burrito ins Gesicht zu werfen - verdient hätte sie es sich definitiv. Als das Gespräch dann aber irgendwann zu einem anderen Thema gewechselt hatte, hat sie sich gänzlichst ins Aus geschossen.
"Weißt du, meine Stelle hatte ich ja auch nicht von Anfang an. Viele sind darauf auch neidisch, aber wenn man weiß wie, dann schafft man das schon - schließlich und endlich hat man als Frau ja bestimmte Möglichkeiten, wenn der Chef ein Mann ist"
Dieses Angedeutet, ganz klare, "ich habe mich zu meiner aktuellen Position geschlafen, nicht gearbeitet" hat bei mir dann endgültig den Brechreiz ausgelöst.

Anderer Tag, andere Szene:
Ich hatte Nachtdienst von Samstag auf Sonntag und bin morgens - mit einem kleinen Abstecher beim Bäcker - nach hause gefahren. Geplant war ein schönes gemeinsames Frühstück im Bett, ich war bester Laune und froh in wenigen Metern den Heimathafen erreicht zu haben. Schon auf der Zielgerade kommt mir ein sehr böse guckender und offensichtlich schlecht gelaunter Rentner entgegen, der mich nur mustert und mir dann "schön dein Harzgeld beim Bäcker ausgegeben?" an den Kopf knallt.

Und noch ein drittes Beispiel, weil ich ja gerade dabei bin:
Noch bei meiner vorherigen Arbeitsstelle: ich wollte morgens Brötchen für meine Arbeitgeberin besorgen und ihr Frühstück machen. Auf dem Weg zum Supermarkt habe ich eine ältere Dame getroffen, die etwas verwirrt an der Bushaltestelle stand. Weil ich mir Sorgen gemacht habe, bin ich auf sie zugegangen und wollte eben mal nachfragen, ob alles in Ordnung ist.
Ihre Antwort: "Der Bus ist weg, der Bus ist weg. Früher ist der alle 10 Minuten gefahren, aber jetzt fährt der nur noch alle 20 Minuten. Nur, weil wir für so assoziales Pack wie dich die Fahrkarte bezahlen müssen".


Welche Gemeinsamkeit haben alle diese Beispiele? Genau. Mein Erscheinungsbild scheint für manche Grund genug zu sein mir zu unterstellen nicht arbeiten zu können - oder viel mehr nicht arbeiten zu wollen. Diese Leute, die mir mit eben diesen Vorurteilen entgegen treten, ziehen nicht einmal in Erwägung, dass es auch Arbeitgeber gibt, die sich nicht von Tattoos, Piercings und bunten Haaren abschrecken lassen, sondern sich ein Bild von dem Menschen selbst, seiner Arbeitsmoral und seinen Fähigkeiten machen wollen. Dass es Arbeitgeber gibt, denen Können wichtiger ist, als an die gesellschaftlichen Norman angepasstes Aussehen.
Ich arbeite im Sozialen Bereich, ich arbeite mit Menschen. Hauptsächlich mit Menschen mit Behinderung. Ich hatte es bisher noch nie, dass einer der Menschen, mit denen ich arbeite, sich an meinem Aussehen gestört hätte. Viel mehr sind vor allem Piercings und Tattoos etwas, das viele Leute interessiert und statt mit Vorurteilen konfrontiert zu werden, sollte ich ganz viele Fragen dazu beantworten.
Ich weiß, dass ich sehr viel Glück habe sehr aufgeschlossene Arbeitgeber zu haben und in einer Stadt wie Berlin zu wohnen, in der es sehr viele Menschen gibt, dich sich optisch von den gängigen Schönheitsidealen und Normen abgrenzen. Mir ist auch durchaus bewusst, dass es viele Bereiche gibt, in denen Tattoos und Piercings nach wie vor nicht gerne gesehen werden und in denen man sich großflächige und sichtbare Bodymods nicht erlauben kann - aber es gibt auch Bereiche, in denen sich daran niemand stört und in denen es überhaupt kein Problem ist, Farbe unter der Haut zu haben.

Mein Problem mit Vorurteilen ist einfach, dass es viele Menschen gibt, die gar nichts Neues kennen lernen wollen. Die mit ihrem Horizont, der den Rand ihrer Kaffeetasse nicht überschreitet, glücklich und zufrieden sind und die gar nicht wissen wollen, ob es dahinter noch weiter geht, ob es nicht ein bisschen mehr als das gibt. Denn Vorurteile sind nichts schlimmes - sich dagegen zu wehren, sich eines besseren belehren zu lassen und neue Erfahrungen zu machen, die bestimmte Sichtweisen ändern könnten, ärgert mich.
Ja, es mag vielleicht Menschen geben, die tätowiert/gepierct sind, vielleicht auch bunte Haare haben und sich weigern zu arbeiten - genau so gibt es Menschen, mit auffälligem Äußeren, die arbeiten, viel arbeiten und ihre Arbeit gut machen.
Man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Es ist in Ordnung anderen Menschen aufgrund seiner gesammelten Erfahrung mit einer bestimmten Skepsis entgegen zu treten, aber bitte gebt jedem Menschen eine Chance euch vom Gegenteil zu überzeugen (:

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