Smartphone Detox
Als ich mein erstes Handy bekommen habe, war ich gerade einmal elf Jahre alt - aber ich brauchte es, ich brauchte es wirklich. Damals bin ich aufs Gymnasium gekommen und musste jeden Tag über 40 Kilometer hin und wieder 40 Kilometer zurück fahren, um zur Schule zu kommen - morgens und nachmittags bedeutete das eine Stunde Busfahrt und heim kommen hing davon ab, ob der Busfahrer Lust hatte oder eben nicht.
Ich brauchte ein Handy, um mich - wenn der Busfahrer mal wieder keine Lust hatte - zuhause melden zu können, schließlich und endlich musste mich dann jemand abholen.
Mein Handy, ein niedliches kleines Siemens Handy mit schwarz-grauem Display und fünf verschiedenen Klingeltönen, konnte anrufen und angerufen werden und wenn man mal wirklich flinke Finger hatte, war sogar eine SMS drin. Aber eher selten, ein Anruf ging schneller und man musste ja nur das nötigstes übermitteln.
Damals war mein Handy für mich wirklich nur ein reines Nutzgerät um meiner Mama Bescheid zu geben, wenn sie sich mal wieder ins Auto setzen musste um mich abzuholen. Der Akku hielt die ganze Schulwoche, das Handy wurde vor Unterrichtsbeginn ausgeschalten und anschließend wieder angemacht. Und wenn ich unterwegs war, empfand ich es als Überwachung, wenn man mich über das Handy erreichen konnte. Wenn ich keine Schule hatte, hatte ich frei - auch Handyfrei.
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Heute - elf Jahre später (Wahnsinn: ich besitze bereits mein halbes Leben ein Handy, erschreckend) - hat sich die Wichtigkeit meines Smartphones (wir sind ja schon x-Handygenerationen weiter und jetzt sehr smart, aber dafür weniger sozial) entscheidend geändert.
Mein Smartphone bestimmt meinen Tagesablauf. Es sagt mir, wann ich aufstehen muss und hat, noch bevor ich die Gelegenheit hatte mir den Schlaf aus den Augen zu reiben, den vorgeplanten und perfekt organisierten Tagesablauf für mich auf Lager.
Dienstpläne hier, Haushaltsplan da, Termine dort und die Social Networks bitte nicht vergessen - Instagram will schließlich neue Fotos, Facebook wartet auf die Planung neuer Posts und mein Blog hätte gerne super kreatives Content für einen neuen Eintrag!
Mein Wecker klingelt, standardmäßig, um 4.40 Uhr, mein Tag beginnt also ziemlich früh! Das heißt dann, bis 15.30 Uhr arbeiten, heim kommen, Haushalt - ja, Haushalt, aktuell bleibt der dank Unterbesetzung im Team auf der Strecke, das heißt meine angeblich freien Tage kann ich damit verbringen das aufzufangen, was an Arbeitstagen liegen bleibt - führen, einkaufen gehen - im Kühlschrank herrscht nämlich auch wieder gähnende Leere und mein Magen grummelt schon seit geraumer Zeit vor sich hin -, während des Essens die Social Networks checken und auf der To-Do-Liste abhaken, was ich schon geschafft habe.
Deprimiert feststellen, dass es bereits 18/19 Uhr ist, man noch nicht mal die Hälfte des Tagespensums geschafft hat, Prioritäten setzen, die nicht so wichtigen Dinge auf morgen verschieben (und übermorgen - und über-über-übermorgen - und in drei Wochen Samstag), ein glückliches Selfie für Instagram schießen, den nachts um zwei vorbereiteten Blog veröffentlichen, auf Facebook teilen und vollkommen k.o., unzufrieden mit sich selbst und in freudiger Erwartung, dass der nächste Tag nicht besser wird, einschlafen.
Ganz ehrlich? Mein Leben leben und genießen ist in etwa genau das Gegenteil von dem, wie mein Leben mich aktuell führt. Ja, ich bin unheimlich produktiv, wie wunderbar - produktiv sein ist das eine, aber glücklich sein wäre wichtiger und wenn ich aktuell eins nicht bin, dann ist das glücklich.
Ich mache mich für Menschen kaputt, die nichts und weniger von mir halten, ergebe mich Regeln, die mir vorgegeben sind und die ich allein aus Zeitgründen schon nicht mehr hinterfragen kann und lasse mich in einen Alltags-Trott-Strudel ziehen, der mir gänzlichst widerstrebt!
Ich bin an einem Punkt, an dem ich mein Leben so nicht mehr als lebenswert erachte und dringend etwas ändern muss. Prioritäten müssen anders gesetzt werden, ich möchte mich mehr auf das konzentrieren, das mich ausmacht und mich glücklich macht und mich erfüllt - zum Beispiel mein Blog und die Fotografie.
Mir ist durchaus bewusst, dass ich bestimmte Punkte nicht ändern kann - ich muss arbeiten, sonst kann ich mir mein Leben und meine Freiheiten nicht leisten - aber ich werde mir Zeit nehmen zu mir selbst zu finden, die Wichtigkeiten anders zu verteilen und mein Leben wirklich zu leben.
Ich bin nur einmal so jung und nur jetzt kann ich mir die Freiheiten heraus nehmen zu reisen, andere Kulturen zu entdecken, Erfahrungen zu machen, Eindrücke zu sammeln und interessante Menschen kennen zu lernen.
Dieser Monat war für mich ein komplett sinnloser Monat - natürlich, mein Konto freut sich darüber, dass ich so viel gearbeitet habe, aber Geld hat bei mir nicht die Wichtigkeit, dass ich dazu bereit wäre so viel meiner Zeit dafür zu opfern!
Anfang August fahren William und ich für eine Woche nach Amsterdam - diese Woche werde ich nutzen, ich werde mir Zeit für mich nehmen, durch den Sucher meiner Kamera eine neue Stadt für mich entdecken und einfach mal glücklich sein!
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mein Laptop mitnehme - wie gesagt, mein Blog ist eigentlich etwas, was ich sehr mag und was mich sehr glücklich macht - auf jeden Fall aber bleibt das Smartphone im Rucksack. Smartphone Detox!
Einfach mal fünf Tage nicht erreichbar sein - fünf Tage keine To-Do-List abarbeiten müssen - fünf Tage ich sein!
Ich zähle die Tage, Amsterdam wir kommen!

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